Impressionen aus der Zentralafrikanischen Republik

Ungeschminkt – Notizen aus dem Tagebuch
17. Mai 2009 YEAH! Habs mal wieder geschafft. Bin in der Zentralafrikanischen Republik. Einreise ohne größere Komplikationen. Muss erstmals auf der Reise Impf-Ausweis zeigen, außerdem für Stempel 2.000 CFA zahlen. Egal. Ich bin in der RCA.
18. Mai 2009 Die ständigen Militär- und Polizei-Kontrollen verderben mir den Spaß. 7 mal in 2 Tagen. Die Impertinenz der Wichtigtuer ist nicht zum Aushalten. Entweder man behauptet, ich müsse irgendeine Gebühr zahlen und droht, mich nicht weiter fahren zu lassen. Oder man fordert Geld und heult mir vor, der Staat habe seit Monaten keine Gehälter gezahlt. Aber auf dem Tisch ein Bier, früh morgens... Ich beschließe, jede dieser Kontrollen zu einem Spiel zu machen, das ich natürlich gewinnen will.
19. Mai 2009 Bei einer Kontrolle fragt mich ein Polizist, ob ich keine Angst habe hier durch Rebellen-Gebiet zu fahren. Aber ich lass mich nicht verarschen: Was für Rebellen? Er lacht dreckig, ich fahre weiter.
20. Mai 2009 Der Knubbel am Steißbein wird immer dicker und schmerzt beim Radeln.
21. Mai 2009 Obwohl ich das Kampf-Spiel in Yamandu gewonnen habe, tobe ich innerlich. Das hat zumindest ein Gutes: ich bin so wütend und angekotzt, dass ich danach fahre wie ein Wilder, durch Sand und Matsch, bergauf, voller Power, voller Wut. In Gedanken: „Mir macht keiner mehr was vor... Ihr kriegt mich nicht klein...“ Nein, ich lasse mir die Laune nicht verderben. Die Menschen sind freundlich, machen große Augen, grüßen ihr niedliches merçi. Die Strecke heute wunderschön: tropische Wälder, wild wuchernd, überall Unmengen Schmetterlinge in schwarz, gelb und weiß. Muss den Mund zu machen, um sie nicht zu vertilgen. Sitze jetzt auf der Veranda einer schnuckeligen Herberge. Habe früh Schluss gemacht. Gibt mir Zeit, mich zu sammeln. Bin natürlich der einzige Gast. „Mama Mambele“ hat mir eine Riesenportion gekocht: Endlich mal wieder Reis, ein riesiger Haufen auf einem riesigen Teller. Dazu auch endlich mal wieder Fleisch, ich schätze knapp 1 Kg, zart, in unfassbar köstlicher Soße. Dazu gibt’s ein Bier, lauwarm, aber auch egal. Blicke von der Veranda über den tropischen Regenwald. Am Horizont formiert sich mal wieder eine schwarze Wand. Herrlich. Heute Nacht wird es Gewittern und abkühlen.
22. Mai 2009 Übernachte in Batali. Chef du Village hat mir den Raum einer Werkstatt zur Verfügung gestellt. Rede abends lange mit Dorflehrer Augustin. Er sagt, die Lösung für Afrikas Probleme könne nur aus Afrika selbst kommen. Nachtrag: wache nachts mehrmals auf und erwische mich dabei, wie ich meine Mückenstiche blutig kratze
23. Mai 2009
Letzter Spieltag BL. Ob es Wolfsburg schafft? Mache heute wieder früh Schluss. Muss mich um Molly kümmern. Das Knartzen im Tretlager ist wieder da. Ab 1.000 Watt. Außerdem machen mich die ständigen Aussetzer von 434 wahnsinnig. Werde zusätzlich Sigma montieren (434 – das ist mein Fahrrad-Computer mit Höhenmess-Funktion, den einfachen „Sigma 906“-Kilometerzähler hatte ich als Ersatz mitgenommen).
24. Mai 2009 Sehe erstmals Pygmäen.
25. Mai 2009 Drei Niederlagen an einem Tag, das ist bitter. Bei der Ausreise muss ich 10.000 CFA berappen, bei der Einreise in den Kongo umgerechnet 45 Euro zahlen und alle Taschen auspacken. Stehe am Flussufer im Sand, mitten in der Sonne und zerfließe, während die Dumpfbacke vom Zoll unter einem Palmdach sitzt und vor den Augen von vielleicht 50 Schaulustigen alles in die Hand nehmen muss: Was ist das? Rasiercreme? Kennen wir hier im Kongo nicht. Was ist das? MP3-Player? Musik? Will ich hören. Was ist das? Ein Faltreifen für das Fahrrad? So was gibt’s? Trotz dieser „Schikane“ bleibe ich ruhig. Ganz cool. Sogar freundlich... und das ist trotz der Niederlage wie ein Sieg, ein Sieg der Selbstbeherrschung.
Estella

Estella sagt, sie sei 18. Die junge Mutter hat eine 2-jährige Tochter. Der Vater ist „verschwunden“. Auch sie selbst ist weggelaufen. Vor ein paar Monaten von zu Hause. Ihre Mutter sei gestorben und mit der zweiten Frau ihres Vaters habe es nur Streit gegeben. Jetzt hängt Estella in dem verdreckten Hotel des kleinen Ortes Bania in der Zentralafrikanischen Republik herum und sagt: „J'ai faim – ich habe Hunger“. Sie will etwas zu Essen für sich und ihre Tochter. Und sie würde dafür mit mir auf mein Zimmer gehen. Ihr Augenaufschlag ist eindeutig. Ich frage sie, was sie sich vom Leben wünscht. Sie sagt: „Je ne sais pas – ich weiß es nicht“. Wie sie sich ihre Zukunft vorstellt – „je ne sais pas“. Was sie morgen machen wird – „je ne sais pas“.
Augustin

Es gibt immer mehr Afrikaner, die überzeugt sind, dass die Lösung für Afrikas Probleme nur aus Afrika selbst kommen könne. Einer, der so denkt, ist Augustin. Ich traf ihn in der Zentralafrikanischen Republik, wo er in dem kleinen Dorf Batali als Grundschullehrer arbeitet. Augustin sagt, Afrika müsse sich ändern und die Veränderung müsse in den Köpfen stattfinden. Nötig sei eine Emanzipation der afrikanischen Frau, eine Veränderung in der Gedankenwelt der Männer. Das gehe nur mit einer besseren Bildung und einem funktionierenden Gesundheitssystem. Intellektuelle und gut ausgebildete Afrikaner dürften den Kontinent nicht mehr verlassen, sondern müssten bleiben, um hier in Justiz und Verwaltung zu arbeiten. Nicht die schnelle Revolution sei die Lösung, sondern der langsame Mentalitätswandel – nur dann werde man die Missstände überwinden können.
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